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Funkeln ohne Grenzen

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Modeschmuck galt lange als kleine Schwester der Haute Joaillerie, doch wer sich mit dieser Welt beschäftigt, begreift schnell, dass hier ein eigenständiges kulturelles Terrain entstand, das experimentierfreudiger, politischer und zugleich spielerischer ist als vieles, was aus Edelmetall geformt wurde. Schon früh traf in New York technisches Können auf den Wunsch nach einem Schmuck, der nicht exklusiv wirken sollte, sondern Ausdruck eines neuen Selbstverständnisses war. Europäische Handwerker, die in den Wirren des 20. Jahrhunderts in die Stadt kamen, brachten ihr Wissen mit und bauten eine Ästhetik auf, die den Begriff von Luxus neu definierte. Ihre Entwürfe waren mutig, vielseitig, zugänglich – und damit die perfekte Grundlage für die Sammlerin Patrizia Sandretto Re Rebaudengo, die dieses Kapitel der Modegeschichte mit einer Konsequenz verfolgt wie kaum jemand sonst. Beim TASCHEN Verlag erscheint ein Bildband, der Modeschmuck nicht als Nebensache behandelt, sondern als faszinierendes Kapitel moderner Stilgeschichte.

Die Turinerin, eine der einflussreichsten Kunstmäzeninnen Europas, hat längst bewiesen, wie sehr ihre Leidenschaft für Kunst auch jenseits der klassischen Bildenden Kunst wirkt. Als Präsidentin ihrer eigenen Stiftung unterstützt sie seit Jahrzehnten junge Positionen, fördert Produktionsprozesse, initiiert Kooperationen mit Häusern wie dem Philadelphia Museum of Art und sitzt gleichzeitig in internationalen Gremien von Institutionen wie dem MoMA und der Tate. Ihre Sammeltätigkeit ist nicht nur breit, sondern visionär: Rund dreitausend Fotografien, bedeutende Werke zeitgenössischer Künstler wie Maurizio Cattelan, Damien Hirst, Avery Singer oder Adrián Villar Rojas – und eben jene außergewöhnliche Modeschmucksammlung, die inzwischen rund tausend Stücke umfasst und ein Jahrhundert modischer Selbstinszenierung dokumentiert. Dass sie 2023 im Palazzo Strozzi in Florenz unter dem Titel „Reaching for the Stars“ gefeiert wurde, zeigt, wie sehr diese Sammlung auch im internationalen Kontext eine Referenz bildet. Die Modeschmuckstücke der Kollektion reichen von Art-déco-Objekten mit scharfkantiger Architektur über florale Fantasien der 40er und 50er bis zu psychedelischen Ikonen der 70er und technoiden Statements der 90er.

Lucite, Bakelit, verformte Kunststoffe oder bewusst überzogene Silhouetten stehen hier nicht für Ersatzmaterial, sondern für radikale Kreativität. Manche Entwürfe erinnern an Pflanzenstudien, andere an Pop-Art, wieder andere an futuristische Artefakte aus imaginären Welten. Sie alle atmen einen Geist, der Modeschmuck zu einem Medium formte, mit dem sich Identität erzählen ließ. Hollywood erfasste dieses Potential sehr früh: Die Stars verwandelten die Stücke in Signaturen, die ihre Rollen erweiterten, die Mythen schufen und zugleich eine neue, selbstbewusste Weiblichkeit transportierten. Der Fotograf Luciano Romano hebt diese Qualität in seinen Bildern auf eine skulpturale Ebene. Seine Inszenierungen zeigen den Schmuck wie kleine Miniaturen eines größeren Narrativs, in denen Licht, Reflexion und Materialität zu einer Art Bühne verschmelzen. Es entsteht der Eindruck, dass jedes Objekt nicht nur gestaltet wurde, sondern eine Geschichte trägt, die im Moment der Betrachtung erneut in Bewegung gerät. Dass Modeschmuck als demokratischer Luxus gilt, wirkt in diesem Kontext fast wie eine Untertreibung. Denn die wahre Bedeutung liegt nicht in seiner Zugänglichkeit, sondern in der Freiheit, die er ermöglicht: Entwürfe, die sich nicht dem Wert eines Materials unterwerfen, sondern der Stärke einer Idee. Autorinnen wie Carol Woolton und Maria Luisa Frisa haben diesem Ansatz die theoretische Tiefe verliehen, die zeigt, wie eng Modeschmuck mit gesellschaftlichen Umbrüchen verbunden ist.

Jede Dekade hinterließ ihre Spuren: geometrische Strenge der 30er, optimistische Üppigkeit der 50er, rebellische Farbwelten der 70er, experimentelle Formgebung der 90er. In all diesen Phasen wurde Modeschmuck zum Chronisten eines Jahrhunderts, das sich über Stil und Selbstinszenierung definierte. Die Sammlung von Patrizia Sandretto Re Rebaudengo beweist, dass die spannendsten Geschichten oft nicht im teuersten Material entstehen, sondern in jener schöpferischen Lust, Dinge anders zu denken. In diesen Stücken glüht ein Jahrhundert voller Aufbruch, Selbstbehauptung und spielerischer Kühnheit – ein glänzendes Archiv einer Mode, die nie stillstand und gerade deshalb bis heute funkelnd modern wirkt. Ein Blick auf diese Sammlung zeigt nicht nur die Geschichte des Modeschmucks, sondern auch die Energie einer Kultur, die Schönheit immer wieder neu verhandelt – und genau dieser Geist wird am 03. Dezember um 12.30 Uhr im Dorotheum Wien spürbar, wenn Petra Lamers-Schütze, Regina Herbst und Philipp Demeter das Buch Costume Jewelry vorstellen und anschließend zu einem Champagnerempfang einladen. Weiteren Informationen unter TASCHEN , Costume Jewelry Hardcover, 26.9 x 33.6 cm, 4.49 kg, 528 Seiten, EUR 100

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