Vor hundert Jahren begann in Bad Tölz eine Geschichte, die nach Abenteuer, Handwerk und einer gehörigen Portion bayerischer Eigenart klingt – die Gründung der Pionier-Faltboot-Werft. Damals war das Reisen auf Flüssen und Seen ein Versprechen von Freiheit, und wer sich ein solches Boot leisten konnte, bekam ein Stück Technik, das sich elegant zusammenfalten ließ und doch ganze Kontinente erobern konnte. Das erste Modell, die „Mosella“, sah vielleicht unscheinbar aus, war aber so konstruiert, dass sie mit neuer Bootshaut noch heute einsatzbereit wäre. Neben ihr folgten bald andere Typen, darunter die besonders elegante Schweden-Form, die den Ruf der Werft an Rhein, Ruhr und sogar in Spanien festigte. Es war die Zeit, in der sich mit Bootswägelchen, Reichsbahn und Zelt ein Sommerurlaub gestalten ließ, der mehr nach Abenteuer roch als nach Pauschalreise. Die Werft, gegründet von dem Ingenieur Hermann Locher, dem Offizier Hans Hoeflmayr und dessen Schwester Marianne Reichlin von Meldegg, wurde schnell zu einem Treffpunkt für Sportler, Abenteurer und Technikliebhaber. Kunden reisten von weit her an, um sich beraten zu lassen – so auch die amerikanische Schriftstellerin Cornelia Stratton Parker, die 1931 ein Zweierfaltboot erwarb und damit den „German Summer“ ihrer Tochter schenkte. Doch die Idylle hatte ihre Brüche. In den 1930er-Jahren galt der Betrieb als kriegswichtig, fertigte Mäntel und Abdeckungen für die Wehrmacht und beschäftigte Zwangsarbeiter – für damalige Verhältnisse vergleichsweise gut untergebracht, mit eigenen Baracken, Betten und Waschräumen. Die Biografie Hoeflmayrs ist bis heute ein Wechselspiel aus Loyalitäten und Widersprüchen: SA-Mitglied und zugleich verheiratet mit einer Frau aus jüdischer Familie, Produktionsleiter für Rüstungsgüter und gleichzeitig Retter von Menschen, die unter dem Regime verfolgt wurden. Nach dem Krieg kam er in ein US-Internierungslager, wurde später als Mitläufer eingestuft und kehrte an die Seite Lochers in die Werft zurück – allerdings ohne persönliche Versöhnung.



In den 1950er-Jahren hielt sich der Erfolg noch, Faltboote und Zelte aus Bad Tölz reisten bis in den Himalaja, wo Bergsteiger wie Karl Maria Herrligkoffer und sogar Reinhold Messner sie auf Expeditionen mitnahmen. Dann kam der Einbruch: billigere Kunststoffboote, verschmutzte Flüsse, ein verändertes Freizeitverhalten. 1975 war Schluss mit der Produktion, doch der Mythos blieb. Manche Boote haben Lebenswege hinter sich, die wie aus einem Abenteuerroman klingen: Oskar Walter Speck paddelte 1932 in einem Tölzer „Reise-Zweier“ in sieben Jahren von Ulm bis nach Australien, während Rudolf Schallmoser 1949 in einem „Pionier MW 45“ die Partnachklamm durchquerte. Heute wird diese bewegte Geschichte in einer Sonderausstellung im Tölzer Stadtmuseum greifbar, flankiert von einem dreitägigen Jubiläumsprogramm, das Anfang August 2025 stattfand. Auf dem Programm standen die Isarregatta nach München, ein Nostalgie-Faltboot-Camp und das Fluss-Film-Festival.

Historische Zelte, originale Boote, Geschichten von wilden Fahrten und stillen Momenten am Wasser ließen Besucher in eine Ära eintauchen, in der Abenteuer nicht auf Social Media, sondern zwischen Paddelschlägen stattfanden. Wer durch die Ausstellung geht, sieht nicht nur Boote, sondern Zeugnisse von Erfindungsgeist, Überlebenswillen und einer Zeit, in der sich bayerische Werkstätten mit der Welt messen konnten – und manchmal sogar weiter hinaus paddelten. Weitere Informationen unter https://www.bad-toelz.de/de/wissen-und-tradition/toelzer-stadtmuseum.html#Aktuelle