Ein Dialog aus Stoff

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Im Museo del Tessuto in Prato begegnen sich zwei Meister, deren Werk die Formensprache der Mode für immer geprägt hat. Unter dem Titel Sculptors of Shape widmet Kurator Olivier Saillard Azzedine Alaïa und Cristóbal Balenciaga eine Ausstellung, die Mode als Kunst der Skulptur begreift – als Erzählung über Körper, Stoff und Zeit. Zum fünfzigjährigen Bestehen des Museo del Tessuto vereinen sich rund fünfzig Meisterwerke aus der Fondation Alaïa in Paris mit seltenen Zeichnungen und Archivstücken Balenciagas zu einer Inszenierung, die das Schöpferische beider Couturiers in Resonanz bringt.

Die Schau ist mehr als ein Rückblick, sie ist eine Begegnung zweier Perfektionisten, die den Akt des Schneidens und Drapierens zur Kunstform erhoben. Beide verband die Überzeugung, dass Stoff nicht schmücken, sondern sprechen soll – in Bewegung, Spannung und Balance. Balenciaga, 1895 im baskischen Getaria geboren, sah im Körper ein Volumen, das umschlossen, aber nie gefesselt werden durfte. Alaïa, 1935 in Tunis geboren, machte den Körper selbst zum architektonischen Zentrum und modellierte ihn mit Jersey, Leder und minutiöser Präzision. Zwischen ihnen liegen Jahrzehnte, doch ihre Sprache ist dieselbe: Konzentration, Stille, Handwerk. Balenciaga blieb Architekt der Linie, Alaïa wurde Bildhauer des Körpers. Der eine formte Seide und Gazar zu tragbaren Konstruktionen, der andere verwandelte Strick in Skulptur.

Gleich zu Beginn konfrontiert die Ausstellung zwei Kleider, die sich wie Spiegelbilder gegenüberstehen: Balenciagas schwarze Seidenrobe von 1960 mit drapiertem Dekolleté und Schleppe, Sinnbild formaler Erhabenheit, und Alaïas eng anliegendes Kleid aus schwarzem Jersey von 1988, das Sinnlichkeit und Stärke zugleich ausstrahlt. Dazwischen entfaltet sich ein Parcours in drei Kapiteln – Atelier Tailleur, Atelier Flou und Spain – der die Essenz französischer Haute Couture mit mediterraner Handschrift verwebt. Im Atelier Tailleur zeigt sich die Präzision des Schnitts: Balenciagas schwarze Wolljacke von 1938, eine Meisterstudie der Proportion, korrespondiert mit Alaïas Spencerjacke von 1986, deren Linien historische Reitmode zitieren und in moderne Strenge überführen. Das Gespräch setzt sich fort zwischen Capes, Redingotes und Mänteln, in denen Stoffe wie Cloqué, Jacquard und Samt zu architektonischen Körpern werden. Beide Designer näherten sich dem Material mit derselben Ehrfurcht – Samt, dicht und formbar, wurde bei ihnen zum Medium zwischen Licht und Schatten. Im Atelier Flou löst sich die Strenge in Bewegung. Hier gleiten Wollcrepe, Seide und Jersey in weichen Bahnen über den Körper. Alaïas schwarze Taftrobe von 2003 umspielt Hüfte und Taille, bevor sich ein Rock mit fast dreißig Metern Umfang öffnet. Balenciagas legendäres Ballonkleid aus Organza von 1958 antwortet darauf wie eine umgekehrte Skulptur: Der Stoff löst sich vom Körper, schafft Raum und Volumen.

So unterschiedlich ihre Methoden sind, beide feiern die Sprache des Drapierens – Alaïa als Intimität, Balenciaga als Distanz. Farbe erscheint selten, aber mit Nachdruck: Alaïas Rot wirkt vital und körperlich, Balenciagas Rosa poetisch und erhaben. Der letzte Abschnitt, Spain, führt zurück zu den Wurzeln. Flamenco, Bolero, Spitze – die kulturellen Codes Spaniens werden zu Quellen formaler Fantasie. Balenciagas Abendrobe aus schwarzer Seide von 1961, überzogen mit Rüschen aus Chantilly-Spitze, steht neben Alaïas Lederkleid von 1994, dessen Fransen und Farbkontraste an andalusische Folklore verweisen. Der Bolero, einst Teil spanischer Festtracht, wird hier zum Symbol der Verbindung: Balenciaga formt ihn aus Brokat und Stickerei, Alaïa übersetzt ihn fünf Jahrzehnte später in schwarzes, lasergeschnittenes Leder – kraftvoll, sinnlich, modern. Diese Materialität verdichtet, was beide vereint: das Bedürfnis, Tradition in Bewegung zu halten. Ergänzt wird die Ausstellung durch Filmmaterial von Joe McKenna über Alaïas Leben sowie seltene Aufnahmen der Balenciaga-Defilees von 1960 und 1968. Im stillen Rhythmus der Räume des ehemaligen Campolmi-Werks, gestaltet von Guicciardini & Magni Architetti, entsteht ein Gefühl von Zeitlosigkeit. Saillard kuratiert keine Modegeschichte, sondern ein Zwiegespräch über Form, Präzision und Hingabe. Sculptors of Shape ist ein Manifest der Langsamkeit in einer beschleunigten Welt – eine Erinnerung daran, dass Innovation nicht im Bruch liegt, sondern in der geduldigen Perfektion des Schnitts. Zwei Hände, zwei Epochen, ein Gedanke: Mode als Architektur des Körpers, gebaut aus Stoff, Licht und stiller Disziplin. Weitere Informationen unter Azzedine Alaïa, Cristóbal Balenciaga. Sculptors of shape Fotos © Filippo Bardazzi

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