Kriege, Inflation, KI-Boom, steigende Immobilienpreise: In schwierigen wirtschaftlichen und politischen Zeiten ist kaum ein Thema so relevant wie Geldanlage. Doch was funktioniert langfristig wirklich? Dr. Gerd Kommer zählt zu den bekanntesten ETF-Experten im deutschsprachigen Raum und beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit wissenschaftlich fundiertem Vermögensaufbau. Im Interview mit VIVA Monaco erklärt der Münchner Ökonom, warum globale Aktien-ETFs für viele Anleger die sinnvollste Lösung sind, welche Fehler Einsteiger vermeiden sollten und weshalb Gelassenheit an der Börse oft die wertvollste Eigenschaft überhaupt ist.
Sie beschäftigen sich seit Jahrzehnten mit Finanzen und ETFs. Was fasziniert Sie persönlich daran?
Dr. Gerd Kommer: Mich faszinieren die Kapitalmärkte und allgemein das Thema Vermögensanlage, weil es dabei letztlich um die Art und Weise geht, wie wir unser Leben aus finanzieller Sicht verbessern können und wie unsere Gesellschaft im Interesse aller sich wirtschaftlich entwickeln kann und wird. Die oft behauptete Trennung zwischen der wirtschaftlichen Sphäre unserer Existenz und dem Rest ist in diesem Zusammenhang letztlich eine Illusion. Fast unsere ganze Existenz hat direkt oder indirekt mit Geld und Finanzen zu tun. ETFs und ihr etwas „älterer Bruder“, nämlich klassische, nicht börsennotierte Indexfonds, sind die wichtigste einzelne Innovation auf dem Gebiet der Vermögensanlage in den letzten 50 Jahren, gerade für normale Privathashalte. Die erfolgreichste Innovation sind sie sowieso, weil es kein anderes Finanzprodukt gibt, dass in den letzten Jahrzehnten seine Popularität und seinen Marktanteil weltweit so stark ausgedehnt hat. Und wer sich mit ETFs etwas genauer beschäftigt, wird schnell sehen, dass sie wirklich eine geniale Erfindung sind. Es gibt kein einziges Finanzprodukt, dass so viele Vorteile mit so wenig Nachteilen verbindet und dabei zugleich erstaunlich einfach in der Anwendung ist. Das Erfolgsgeheimnis von ETFs ist die Kombination aus Einfachheit, Robustheit, niedrigen Kosten und hohen Renditen.
München ist eine der teuersten Städte Europas. Wer hier lebt, gibt viel aus für Miete, Restaurants oder Urlaub. Wie wichtig ist es gerade in unsicheren Zeiten, das Geld auch arbeiten zu lassen, statt es nur zu verdienen und auszugeben?
In München hat mein Unternehmen seinen Sitz und ich lebe auch dort. Ja, die Lebenshaltungskosten in München sind die höchsten in Deutschland. Allerdings gibt es in Europa einige Metropolen, wo sie noch wesentlich höher sind, z. B. Zürich, London, Oslo, Kopenhagen, Amsterdam und andere. Aber letztlich ist das Leben heutzutage überall teuer, wenn man sich und seiner Familie einen halbwegs akzeptablen Lebensstandard gönnen möchte. Und aus diesem Grunde ist es – wie Sie richtig andeuten – umso wichtiger sein sauer Erspartes auf effiziente Weise für sich arbeiten zu lassen. Wer sein Erspartes mehr oder weniger vollständig auf einem verzinslichen Bankkonto und in einer alten Lebensversicherung hält, der lässt dieses Geld ganz gewiss nicht effizient für sich arbeiten. Die Renditen dieser Anlageformen sind nach Abzug von Inflation, Steuern und Kosten einfach zu niedrig. Da kann dann auch kein Zinseszinseffekt wirken. Mit einem global anlegenden Aktien-ETF geht das viel besser und genauso einfach. Übrigens ist eine solches ETF-Investment auch rentabler als die selbstgenutzte Immobilie, deren Rentabilität in diesem Land 90% der Bevölkerung stark überschätzt. Wer als Mieter + ETF-Anleger finanziell gleich diszipliniert ist wie ein Eigenheimhaushalt, der wird nach 20 oder 30 Jahren als Mieter wahrscheinlich ein höheres Endvermögen haben als der Eigenheimhaushalt.
Viele schrecken vor dem Thema Anlegen mit Kapitalmarktanlagen zurück, weil sie glauben, sie bräuchten ein Finanzstudium oder ein großes Startkapital. Was sagen Sie: Wie viel Wissen braucht man wirklich und mit wie viel Geld kann man sinnvoll anfangen?
Jeder Mensch, der nicht mit 60 Jahren unter der Brücke enden will oder für den Rest seines Lebens wirtschaftlich vollständig vom Ehepartner abhängig sein möchte, braucht ein Minimum an Finanzwissen. Dieses zu erwerben ist erfreulicherweise nicht schwer und man braucht dafür weder ein Mathe-Ass zu sein, noch ein „angeborenes Interesse an Gelddingen“ zu haben. Mit ETFs kann man in Gestalt eines ETF-Sparplans bereits ab fünf Euro pro Monat anfangen zu investieren.
Über 70 Prozent eines typischen Welt-ETFs stecken in US-Aktien. Sollte man da als Privatanleger nervös werden oder ist Aussitzen besser?
Wem 70 Prozent USA-Anteil in einem MSCI World-ETF zu viel sind, der kann dieses USA-Gewicht durch Beimischung eines zweiten Nicht-USA-ETFs oder über die Nutzung des L&G Gerd Kommer ETFs (WKN WELT0A) leicht auf eine „gesündere“ Größenordnung von 40 bis 50 Prozent senken.
Tagesgeld und Festgeld werfen wieder Zinsen ab, plötzlich fühlt sich „Geld auf dem Konto lassen“ wieder vernünftig an. Wann ist das tatsächlich sinnvoll und wann kostet einen diese Sicherheit langfristig bares Geld?
Zur Abdeckung einer persönlichen Liquiditätsreserve, die jeder Haushalt haben sollte, und die volumenmäßig rund sechsmal die durchschnittlichen monatlichen Lebenshaltungskosten ausmachen sollte ist ein verzinsliches Tagesgeld geeignet. Nicht geeignet ist es als Instrument des langfristigen Vermögensaufbaus und der Altersvorsorge. Mit einem verzinslichen Tagesgeld verdient man nach Abzug der Steuern zumeist gerade so viel wie die Inflation, mit anderen Worten „real“ (inflationsbereinigt) gar nichts und so ist es auch heute. Mit einem Tagesgeld erzielt man aktuell eine Rendite von etwa 1,7 Prozent pro Jahr. Davon gehen unter Umständen noch gut ein Viertel an Steuern ab. Vom Rest muss man die aktuelle Inflationsrate von rund 2,6 Prozent abziehen. Ergebnis: Man legt Geld drauf. Selbst, wenn man anstrengendes, arbeitsaufwendiges Tagesgeld-Hopping betreibt, ändert sich dieses Renditedesaster nicht grundlegend. Echter Vermögensaufbau, das Geld für sich arbeiten lassen und den Zinseszinseffekt nutzen, das geht letztlich mit Tagesgeldern nicht. Am besten geht es mit einem globalen Aktien-ETF.
„Mit verzinslichen Bankguthaben arbeitet Ihr Geld nicht für Sie, es liegt quasi auf der faulen Haut, während Sie selbst sich abrackern.“
Wie viel vom eigenen Vermögen sollte man überhaupt in Aktien stecken? Ändert sich das, wenn man älter wird oder das Rentenkonto näher rückt?
Für den langfristigen Vermögensaufbau – insbesondere bei jungen Anlegern – spricht vieles für eine hohe Aktienquote. Aktien sind die Anlageklasse mit der höchsten erwarteten Rendite, allerdings auch mit den größten Schwankungen. Wer diese Schwankungen aushalten kann und einen langen Zeithorizont hat, wird dafür historisch belohnt. Mit zunehmendem Alter und näher rückendem Ruhestand verändert sich die Situation. Dann gewinnen der Kapitalerhalt und die Planbarkeit von Entnahmen an Bedeutung. Entsprechend wird es für die meisten sinnvoll sein, den Aktienanteil im Portfolio schrittweise zu reduzieren und den Anteil risikoärmerer Anlagen zu erhöhen, ab dem Punkt, an dem sie noch zehn Jahre bis zur Beendigung ihrer Berufstätigkeit haben. Im Internet gibt es viele Rechner, mit denen man ganz bequem seine persönlich passende Aktienquote ausrechnen kann (einfach „Risikokapazitätsrechner“ googeln). Einer einfachen Faustformel nach ergibt sich die persönliche Aktienquote nach „110 minus eigenes Alter“. Wichtig: Mit Aktien sind hier global gestreute Aktein-ETFs gemeint, nicht Einzelaktien, die wesentlich risikoreicher wären.
Künstliche Intelligenz verändert gerade alles. Wird sie auch das Investieren revolutionieren und könnte eine KI irgendwann den klassischen Finanzberater ersetzen?
KI wird das Investieren ohne Zweifel verändern und tut es bereits. Aber man sollte hier zwischen operativen Verbesserungen und einer echten „Revolution“ unterscheiden. Auf der operativen Ebene kann KI vieles besser machen: Prozesse automatisieren, Kosten senken, Portfolios effizienter umsetzen. In diesem Sinne wird sie die Finanzbranche weiter rationalisieren. Das Investieren selbst im Sinne dessen, was ein gutes Portfolio und eine gute Anlagestrategie ist, wird KI nicht wesentlich und vielleicht sogar überhaupt nicht ändern. Jetzt große Anteile des eigenen Vermögens in einzelne KI-nahe Unternehmen zu investieren, davor warne ich, weil diese Unternehmen heute sehr hoch bewertet, also sehr teuer sind und vorwärtsgerichtet risikoreiche, konzentrierte Wetten repräsentieren.
Finanzielle Freiheit, also irgendwann von seinem Vermögen leben zu können, ist für viele ein Traum. Ist das für einen normalen Angestellten in München realistisch oder verkaufen uns Influencer da eine Illusion?
„Finanzielle Freiheit“ ist kein Trick und auch keine Illusion, sondern das Ergebnis von a) Zeit, b) einer ausreichenden Sparquote in Prozent des Nettoeinkommens und absolut in Geldeinheiten – sprich Disziplin und Konsumverzicht – und c) einem sinnvollen Investieren. Was sinnvolles Investieren ist und was nicht, habe ich ja weiter oben schon angedeutet. Am wahrscheinlichsten und frühesten wird derjenige finanzielle Freiheit erreichen, der dafür sorgt, dass er ein gutes und im Zeitablauf stetig steigendes Einkommen hat, eine ausreichend hohe Sparquote und smart investiert, beispielsweise in globale Aktien-ETFs auf Buy-and-Hold-Basis.
Stellen Sie sich vor, Ihr Depot verliert innerhalb weniger Wochen 30 % seines Wertes. Was machen Sie und was sollte man auf keinen Fall tun?
Wenn es sich um einen oder mehrere global diversifizierte Aktien-ETFs handelt, dann lautet mein Rat: Nichts tun. Aussitzen. Wenn es finanziell möglich ist, nach einem 20-Prozent-Marktrücksetzer nachkaufen. Der globale Aktienmarkt hat sich in den letzten 125 Jahren trotz vieler zwischenzeitlicher Abschwünge und Krisen immer wieder erholt. Aktien sind die ertragreichste Anlageklasse und das wird auch in der langfristigen Zukunft so sein.
„ETFs sind die wichtigste einzelne Innovation auf dem Gebiet der Vermögensanlage in den letzten 50 Jahren.“
Was sind die drei größten Fehler, die man beim ETF-Einstieg machen kann, und gibt es Situationen, in denen ETFs schlicht die falsche Wahl sind?
Fehler Nr. 1: Warten und am „Spielfeldrand“ ausharren, im Irrglauben dass „jetzt“ noch nicht der richtige Zeitpunkt für den Start bestünde.
Fehler Nr. 2: Zu viel Aktivität aus Unwissenheit oder Gier und FOMO. Statt einfach zu investieren und investiert zu bleiben, wird ständig optimiert, umgeschichtet oder auf Trends reagiert. Dieses „Hin und Her“ produziert hohe Kosten, unnötige Steuerbelastung und ist empirisch gut als langfristiger Performance-Killer belegt.
Fehler 3: Eine geringe Sparquote: Mindestens zehn Prozent seines monatlichen Nettoeinkommens sollte man für die Altersvorsorge zurücklegen, etwa in Gestalt eines Aktien-ETF-Sparplans, wer 15 oder 20 Prozent schafft, der ist noch besser dran. Geld, dass man mit relativ hoher Wahrscheinlichkeit in den nächsten fünf Jahren für Konsum oder andere Investitionen benötigt (z. B. Kauf einer Immobilie) sollte man nicht in Aktien investieren.
Im Tresor vieler Münchner liegt Gold, in den Apps der Jüngeren Bitcoin. Sind das für Sie echte Werte für Krisenzeiten oder eher teure Hobbys?
Gold und Bitcoin sind aus meiner Sicht nur als Beimischungen geeignet. Gold hat auf lange Sicht eine niedrigere Rendite als die Anlageklasse Aktien, kann aber im Portfolio aus Diversifikationsgründen trotzdem Sinn machen. Bei Bitcoin weiß niemand, was die langfristige Durchschnittsrendite sein wird, weil Bitcoin dafür noch zu jung ist und einfach zu viele Unwägbarkeiten bestehen. Aber auch Bitcoin könnte evtl. ein guter Diversifizierer des restlichen Vermögens sein – mit einem beträchtlichen Ungewissheitsfaktor. Gold und Bitcoin zusammen sollten maximal 10% des Gesamtvermögens eines Haushaltes ausmachen. Zu jedem Zeitpunkt. Aber man kann genauso gut ganz auf diese beiden Investments verzichten.
Vermögen aufbauen ist das eine, aber irgendwann will man es auch nutzen. Wie entnimmt man im Ruhestand klug, ohne Angst haben zu müssen, das Geld zu überleben?
In der Praxis besteht – überraschenderweise – oft das gegenteilige Problem. Menschen, die sich über 30 oder mehr Jahre ein kleines Vermögen angespart haben und nun im Ruhestand sind, tendieren dazu aus Angst eher zu wenig auszugeben. Oft ist diese falsche Knauserigkeit, die ja zu Lasten des Lebensstandards und des Glückes geht, auch davon motiviert, den Kindern möglichst viel vererben zu „müssen“ oder in dem „Wahn“ den so genannten Kapitalverzehr vermeiden zu wollen.
Welche Frage stellt Ihnen niemand, die aber eigentlich jeder stellen sollte?
Ich glaube, die Frage nach dem richtigen Mindset zur allmählichen Errichtung von finanzieller Stärke und Unabhängigkeit wird zu selten gestellt und zu selten für sich selbst ernsthaft beantwortet. In diesem Mindset sollten zwei Grundprinzipien fest verankert sein und natürlich auch konkret gelebt werden: 1) Ich und niemand sonst ist hauptverantwortlich dafür, wie sich meine Finanzen in den nächsten 50 Jahren entwickeln werden. Ich outsource und delegiere diese Verantwortung weder auf meinen Lebenspartner noch auf den Staat. 2) „Even if you have the investment skills of Warren Buffett, if you don’t save, you’ll die poor.“ Diese einfache, fundamentale und oft übersehene Einsicht stammt vom bewunderten US-Finanzexperten und Buchautor William Bernstein.
Dr. Gerd Kommer lebt in München und zählt zu den bekanntesten ETF-Experten im deutschsprachigen Raum
(„Der leichte Einstieg in die Welt der ETFs“, 176 Seiten, um 18 €). Der promovierte Ökonom beschäftigt sich seit den 1990er-Jahren mit wissenschaftlich fundierter Geldanlage und gilt
als einer der Pioniere des passiven Investierens
in Deutschland. www.gerd-kommer.de
Interview: Mike Badstübner. Fotos: Pr, KI-generiert (1)