Die 1920er-Jahre in Berlin gelten bis heute als Synonym für Aufbruch, Experimente und die Suche nach neuen Formen. Zwischen politischen Umbrüchen, architektonischen Visionen und einer vibrierenden Kulturszene entstand ein Klima, in dem sich Kreativität wie ein Strom durch das urbane Geflecht der Stadt bewegte. Genau dieses Spannungsfeld hat das Pariser Kreativstudio von Birkenstock für die neue 1774 Becomes Berlin Kollektion als Ausgangspunkt gewählt. Signature-Styles wie Arizona, London oder Maria werden darin durch den Blick auf die Zwanziger neu interpretiert. Die Kollektion versteht sich als Dialog zwischen Vergangenheit und Gegenwart, in dem Elemente des Jugendstils und des Art Déco mit heutigen Designsprachen zusammentreffen. Es sind nicht allein die Formen, die auf diese Epoche verweisen, sondern vor allem die subtilen Details: Cut-outs, die an die Dynamik einer Metropole im Wandel erinnern, Schleifen, die wie kleine Zitate aus Modezeichnungen jener Zeit wirken, oder Schnallen, deren ornamentale Gestaltung den dekorativen Moment des Art Déco aufgreift. Auch die Farbpalette wurde sorgfältig gewählt. Sie orientiert sich an Interieurs und Objekten des frühen 20. Jahrhunderts – von dunklen Hölzern und samtigen Oberflächen bis hin zu gebrochenen Tönen, die man in Keramiken oder Glasvasen jener Zeit findet. In der Auswahl zeigt sich ein Gespür für historische Referenzen, das nie in Nostalgie verfällt, sondern die damalige Materialästhetik in einen zeitgenössischen Kontext stellt.





Hinter den Kulissen offenbart sich, wie viel handwerkliche Präzision in jedem Paar steckt. „Unsere Fußbetten werden in unserer Fabrik in Görlitz aus einer Mischung aus Kork und Latex gefertigt, von Hand auf einer Basis aus Naturjute geformt und mit einem feinen Lederfutter überzogen, das das geprägte 1774-Logo trägt“, heißt es aus der Produktion. „Die Außenseiten des Fußbetts erhalten anschließend eine Ummantelung aus weichem Leder. In unserer Fabrik in Bernstadt werden schließlich alle Paare der 1774-Kollektion vollendet. Unsere eigens für die Linie 1774 geschulten Mitarbeiter schneiden und verarbeiten das Leder direkt vor Ort, formen das Oberteil, befestigen die Schnalle und setzen jedes Modell mit höchster Präzision und Sorgfalt zusammen. Den Abschluss bildet eine strenge Qualitätskontrolle.“ Dieser präzise, fast rituelle Ablauf verleiht der Kollektion ihre unverwechselbare Struktur – jedes Modell wird zum Ergebnis erfahrener Hände und gelebter Perfektion.




Das zeigt sich besonders am Modell Maria Suede Burgundy, das aus dem Archiv von Birkenstock neu interpretiert wurde. Oberlederstreifen werden exakt zugeschnitten, geprüft und nummeriert, um während der Montage in akkuraten Paarungen zusammenzufinden. Jede Materialstärke wird kontrolliert, jede Kante nachbearbeitet, bevor die charakteristischen Fußbetten eingepasst werden. „Ja, eine gute Handfertigkeit ist erforderlich“, heißt es weiter aus der Fertigung. „Bei den von uns hergestellten Modellen handelt es sich hauptsächlich um Handarbeit, wobei verschiedene Aufgaben und Kniffe zu beherrschen sind, um sie gut auszuführen.“ Der Prozess gleicht weniger einer industriellen Fertigung als vielmehr einem Atelier, in dem Sorgfalt und ein waches Auge für Details den Rhythmus bestimmen. So entsteht eine Verbindung zwischen der historischen Inspiration und der handwerklichen Gegenwart, die sich in der klaren Form und den tiefen Farbtönen des Maria-Modells verdichtet.



Dass es bei der 1774-Linie nicht nur um Ästhetik, sondern auch um Wissen und Ausbildung geht, spiegelt sich in den Strukturen der Produktion. „Zusätzlich zur Standardausbildung bieten wir eine Zusatzausbildung an, die sich auf unsere Qualitätsstandards und die Bedeutung der Arbeit in jeder Phase des Prozesses konzentriert.“ Dieses Bewusstsein für Exzellenz prägt jede Stufe der Herstellung – von der Materialauswahl bis zum finalen Polieren.
Die gesamte 1774 Becomes Berlin Kollektion spiegelt damit eine Haltung wider, die den Geist der 1920er-Jahre nicht nur zitiert, sondern ihn auf heutige Fragen überträgt: Wie lassen sich Tradition und Innovation, Strenge und Verspieltheit, Erinnerung und Gegenwart miteinander ins Gespräch bringen? Indem sie Schuhe entwirft, die architektonisch gedacht sind, dabei aber die Leichtigkeit des Stylings einer neuen Generation einfangen, gelingt es Birkenstock, eine kulturelle Brücke zu schlagen. Das Ergebnis sind Modelle, die sich nicht nur als Accessoire begreifen lassen, sondern als Ausdruck eines Zeitgefühls, das historische Bezüge offenlegt und gleichzeitig das Bedürfnis nach individueller Selbstinszenierung bedient.



Dass diese Kollektion in Berlin verankert ist, wirkt dabei fast zwangsläufig. Keine andere Stadt steht so sehr für die Spannungen zwischen Historie und Gegenwart, für die Fähigkeit, Brüche sichtbar zu machen und aus ihnen Energie zu ziehen. Der Blick auf die Zwanzigerjahre wird hier zu mehr als einem ästhetischen Spiel: Er öffnet ein Fenster in eine Zeit, in der Menschen nach Momenten des Feierns und des Entkommens suchten – ein Motiv, das in einer schnelllebigen Gegenwart nichts an Relevanz verloren hat. 1774 Becomes Berlin ist so weniger eine Hommage an eine vergangene Epoche, sondern eine Einladung, deren Impulse im Heute wiederzuentdecken.