illu luisa hecking - Post aus Himmelstadt

Briefpapier gekauft, Füller aufgefüllt, Kerzen und Weihnachtsmusik an: Es soll alles perfekt sein, wenn ich ans Christkind schreibe …

Neulich hörte ich im Auto, dass es ein offizielles Postamt für Briefe ans Christkind gibt. Jedes Jahr am 1. Dezember öffnet das Weihnachtspostamt im unterfränkischen Himmelstadt seine Schalter, um dort eintreffende Briefe ans Christkind zu beantworten – ein Traum von jedem Kind. Ich habe als Kind nie eine Antwort vom Christkind erhalten. Zwar habe ich damals nicht wirklich einen Brief erwartet, aber irgendwie habe ich auf ein Zeichen gehofft, dass all meine Ängste, Wünsche und Träume, die ich jedes Weihnachten zu Papier brachte, gehört würden.

Ich wünschte mir so sehr, dass die geheimnisvollen Dinge, die an Weihnachten geschehen, wahr wären. Ein Brief vom Christkind an Weihnachten wäre das höchste der Gefühle gewesen. Diese Weihnachten werde ich mir diesen Wunsch erfüllen. Bis zu 80.000 Briefe werden in Himmelstadt erwartet und tatsächlich soll jeder Brief auch beantwortet werden. Warum also nicht auch ein Brief von mir? Vielleicht, weil ich kein Kind mehr bin?

Soll ich mich vielleicht beim Schreiben als eines ausgeben? Nein, das wäre falsch. Das Christkind bzw. seine Vertreter darf man nicht anlügen. Ich werde ganz ehrlich die Sachlage schildern und erklären, dass ich mir mit einer Antwort vom Christkind einen Kindheitswunsch erfüllen möchte. Und sofort, als dieser Entschluss gefasst ist, merke ich, wie ein warmes Gefühl in mir aufsteigt, ein aufgeregtes Kribbeln, ein bisschen ähnlich dem Gefühl von früher, als man am Heiligabend in seinem Zimmer auf das Glöckchen wartete, um ins Wohnzimmer treten zu dürfen – diese Begeisterung, in der sich Traum und Realität vermischte und man an Wunder glaubt, dieses Urvertrauen, das die Kindheit so wundervoll macht, und nach dem man sich sein Leben lang immer ein bisschen zurücksehnt. Auf einmal bin ich wieder acht Jahre alt und fühle mich hochmotiviert. Ich habe eine große Mission, aber werde nichts überstürzen. Das Vorbereiten dieses Briefes muss zelebriert werden. Zuerst muss Briefpapier gekauft werden.

Im Papiergeschäft zeigt mir die Verkäuferin verschiedene Papiere und Umschläge. Soll der Umschlag „C6“ oder „DIN Lang“ sein? Keine Ahnung! Was sieht denn mehr nach einem anständigen Brief ans Christkind aus? Am liebsten würde ich die Verkäuferin das wirklich fragen, ich verkneife es mir aber. Ich entscheide mich für den Umschlag „C6“, das ist der kürzere von beiden. Der wirkt weniger offiziell. Die Verkäuferin lächelt mich so seltsam

wissend an. Vielleicht sieht man es mir an, dass ich damit etwas Wichtiges vorhabe. Auf dem Heimweg mit dem Taxi verwickelt mich der Fahrer auch noch in ein Gespräch über  Weihnachten, als ob er etwas von meiner kostbare Fracht erahnen kann. Na gut, jetzt muss ich ihm berichten, dass ich ans Christkind schreiben werde. Ich bemerke meinen Stolz in der Stimme, als hätte ich einen extra heißen Draht zu einer sehr wichtigen Person. Der Taxifahrer scheint aber nicht besonders überrascht. Er erzählt mir, dass er als Kind immer Post aus Christkindl in Österreich bekommen habe. Dort hätten Verwandte von ihm gewohnt, die ihm an Weihnachten immer geschrieben haben. Die Briefmarken

mit dem Poststempel „Christkindl“ habe er damals gesammelt. Der Glückliche: Er hat seine Post von ganz oben schon bekommen. Das mit dem Postamt in Himmelstadt sei ihm neu und er finde es prima. Als er darüber spricht, bekommt er eine vergnügte, kindliche Aura, als sei ein kleines Licht in ihm angegangen.

Jetzt strahlen wir beide um die Wette. Wenn meine Idee solche Begeisterung auslösen kann, dann kann ich gar nicht so sehr spinnen. Ich beginne, meinen Freunden von der Christkind-Mission zu erzählen, und egal, wie gestresst oder schlecht gelaunt sie zuvor waren, da: dieses Leuchten! Vielleicht, weil es uns für einen Moment aus dem Alltag reißt und uns wieder an ein Geheimnis glauben lässt. Ist das das Zeichen vom Christkind, auf das ich immer gewartet hatte? Auf einmal wird mir klar, dass es gar nicht die Vorfreude auf einen Brief ist, die mich so beschwingt, es ist das tiefe Wissen, die Magie von Weihnachten immer noch in mir zu tragen. Sie war nie weg, sie hat die ganze Zeit in mir nur geschlummert, darauf wartend, dass ich ihr zum richtigen Zeitpunkt wieder Platz einräumen werde.

Nun ist es also soweit und ich schreibe den Brief ans Christkind. Was ich genau schreibe, geht nur die vom Postamt Himmelstadt und mich was an. Ich verschreibe mich einmal und beginne auf einem neuen Papier in meiner schönsten Schreibschrift. So können sie mir einfach die Antwort nicht verweigern. Jetzt schnell zum Postamt. Ob die Angestellte auch dieses Leuchten packt, wenn sie die Anschrift liest? Nö. Sie klebt die Briefmarke auf und legt den Brief in die Kiste mit der ausgehenden Post. Sie hat wohl gerade keinen Nerv auf den Weihnachtsmagie-Kram – ist ihr gutes Recht. Sie blickt mich nur etwas irritiert an, vermutlich, weil ich sie so erwartungsvoll ansehe.

Der Brief ist weg. Komm gut nach Himmelstadt!

Seitdem gehe ich jeden Tag mit ein bisschen Herzklopfen an meinen Briefkasten, wissend, dass, selbst, wenn ich keine Post bekommen sollte, das Christkind meinen Wunsch erhört hat.

 

Wir, das gesamte rush4-TEAM, wünschen Ihnen und Ihren Lieben ein wunderbares und erholsames Weihnachtsfest.
 

erstellt am: 23.12.2017

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Annekatrin Meyers

Journalistin

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