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  • Herr Diez, in München gibt es eine erstaunliche Vielzahl von Designbüros. Existiert so etwas wie ein Münchner Design?

Ein Münchner Design gibt es vermutlich nicht, aber es stimmt, dass hier in der Stadt mehr Designer arbeiten als in anderen Städten Deutschlands und sich viele die Frage stellen: Was ist ein guter Ort für Designer? München ist mit eineinhalb Millionen Menschen nicht sehr groß, sodass sich die Szene untereinander kennt. Zur Familie gehören hier auch Architekten, Fotografen, Grafi ker, Musiker, also generell die künstlerisch Arbeitenden – was es umso interessanter macht. Mit Instituten wie der Akademie, den Pinakotheken, dem Haus der Kunst, dem Kunstverein und einer Reihe privater Sammlungen gibt es ein relativ großes Angebot an Plattformen für Kunstschaffende. Ich würde in diesem Zusammenhang auch die Theater, Orchester und Oper Münchens mit einbeziehen. Trotzdem darf man es nicht unter den Tisch kehren, dass Berlin nach wie vor viele Leute von hier abzieht.

  • Sie sprechen von einer großen Designerfamilie. Was ist mit Konkurrenz?

Unter Designern gibt es wenig Konkurrenzdenken. Es geht eher freundschaftlich zu. Man freut sich, wenn man befreundete Kollegen beim Abendessen oder in der Bar trifft, und gratuliert, wenn jemand ein schönes Projekt gemacht hat. Man hat ein gemeinsames Anliegen, nämlich die Sorge, dass die Basis, auf der herausragende Projekte gründen, allmählich wegbricht. Die guten Firmen werden stetig weniger, es fehlt am Unternehmergeist der ersten Generation.

  • Inwiefern?

Es geht um Mut und geistige Unabhängigkeit. Die Firmen, die vormals in der Nachkriegszeit aus diesem Geist heraus entstanden sind, erleben nun einen Generationswechsel. Die Kinder der Gründer haben nicht automatisch diese Kraft für Unternehmertum wie ihre Eltern. Außerdem sind sie oft eingeklemmt zwischen der erfolgreichen Vergangenheit und unsicheren Zukunft. Die finanziellen Ressourcen sind mittlerweile bei vielen aufgebraucht: man bekommt Angst. Risikobereitschaft spielt eine entscheidende Rolle bei der Entwicklung neuer Ideen. Deswegen ist es so wichtig, dass neue Firmen entstehen, die mit Hingabe bei der Sache sind. Die dänische Firma „Hay“ zum Beispiel, mit der wir seit sieben Jahren zusammenarbeiten, ist eine sehr wichtige Platfform für uns geworden. Gerade haben wir gemeinsam ein pubertierendes Monster auf den Markt gebracht.

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Stefan Diez im Interview

 

  • Das müssen Sie erklären.

Das kleine Monster heißt „New Order“, ein Möbelsystem, mit dem wir mehr Schnittstellen zum Raum hatten als je bei einem anderen Projekt zuvor. Wir können damit autarke Arbeitsplätze bauen, die beispielsweise in einer ungenutzten Lagerhalle stehen. Von der Decke über die Beleuchtung bis hin zu den Regalen und Schränken, selbst die Arbeitsplätze: Alles kann individuell wie Lego zusammengestellt werden. Insgesamt sieben Jahre haben wir daran gearbeitet.

  • Warum hat die Entwicklung so lange gedauert?

Ein einfaches Regal kann man relativ leicht über eine technische Zeichnung erklären. Oft sind die Außenmaße das Wichtigste. Wenn die Funktionen vielfältig werden und man alles miteinander kombinieren kann, dann braucht man ein spezielles Computerprogramm, das die Idee zu einem Bauplan umsetzen kann und eine Bestellliste erstellt. Das alles zu entwickeln, ist ziemlich komplex. Ich glaube, in der Zukunft wird das Thema „managing complexity“ eine äußerst interessante Dimension für uns Designer sein, weil keiner Produkte will, die kompliziert aussehen, Komplexität aber zwangsläufig zunehmen wird.

  • Ist es für Sie ein Thema, die Zukunft des Designs?

Mich interessieren neue Spielräume. Zum Beispiel arbeiten wir gerade an einem Hotelprojekt in München – eine neue Herausforderung für uns. Es geht um 20-qm-Wohnungen, nicht um klassische Hotelzimmer: eine Notwendigkeit, die eine nomadische, internationalisierte Arbeitswelt mit sich bringt. Wir arbeiten hier im Studio an Eins-zu-eins-Modellen solcher Räume, weil wir nur so überprüfen können, wie weit man an die Grenzen des räumlich Sinnvollen gehen kann. Gemeinsam mit den Bauherren und Architekten haben wir herausgefunden, dass die Schlüsselrolle wohl ein multifunktionales und räumlich anpassbares Architekturelement spielen wird.

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  • Das ist komplex, aber das interessiert mich.

Sie haben Ihr Studio seit 15 Jahren hier in München. Wie war Ihr Start? Ich glaube, ich hatte oft mehr Glück, als dass ich alles geplant hätte. Zum Beispiel mit meiner Lehrstelle: Meine Meisterin, Ursula Maier, bei der ich die Schreinerlehre gemacht habe, war nicht nur Schreinerin, sondern auch Architektin. Hinzu kam, dass sie einen Vater hatte, der an der Entwicklung von  Holzbearbeitungsmaschinen beteiligt war. In dieser Werkstatt ging es nicht standardmäßig zu. Alles dort war ein bisschen spezieller und davon profitierte ich natürlich. Irgendwann kommt dann der Punkt, an dem es darum geht, wie man aus den Möglichkeiten, die einem gegeben werden, etwas Eigenes macht.

Rückblickend kann man dabei kaum überschätzen, wie viel Energie und Kraft es kostet, den eigenen Weg zu finden und zu gehen. Die meisten Ideen sterben, so wie es aussieht, weil unterschätzt wurde, wieviel Energie nötig ist, sie bis zum Ende zu unterstützen.

  • Haben Sie einen besonderen Ort in München, der Sie inspiriert?

Das hört sich jetzt ganz kitschig an, aber tatsächlich ist es ein ganz großer Segen, die Isar vor der Tür zu haben. Ich laufe sehr gern morgens bis nach Pullach raus – noch bevor wir das Studio aufsperren. Oft setze ich mich dann an die Isar und denke einfach mal nichts. Das ist herrlich. Die Natur so nah in der Stadt zu haben, ist ein wirklicher Luxus.

erstellt am: 04.08.2018

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Annekatrin Meyers

Journalistin

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