essay 2 - Erst Posen, dann Posten?

An einem faulen Samstagabend vorm Fernseher zappte ich durchs Programm und blieb bei RTL hängen. Es lief „Deutschland sucht den Superstar“. Drei der Juroren waren die üblichen Promi-Gesichter, das vierte war mir nicht nur fremd, sondern wirkte auch befremdlich auf mich. Es war irgendwie künstlich, ohne erkennbare Züge, voll mit kleisterdickem Make-up, gekrönt von einer Mähne an Perücke. Ich wurde neugierig und googelte das maskenhafte Geschöpf. Es handelte sich um einen nicht auf den Mund gefallenen YouTube Star, der mit 2 Millionen Followern die sinkende Quote der Sendung wieder hochbringen soll.

Warum nur inszeniert sich diese junge Frau wie eine Barbiepuppe? Einmal den Namen bei Instragam eingegeben, springen mir Selfies von unzähligen Frauen entgegen, die auf den ersten Blick alle gleich aussehen: Alle haben wallende lange Haare, in der Mitte gescheitelt, alle sind stark geschminkt, haben künstlichen Wimpern, haben den Kopf leicht zu Seite geneigt und einen mädchenhaft-herausfordernden Blick, die Lippen leicht zur Schnute geschürzt. Als würde das starke Make-up noch nicht reichen, wird noch ein Weichzeichner draufgepackt. Der zarte Zauber eines jugendlichen Gesichts wird bis zur Unkenntlichkeit des Charakters übermalt. Das sind also die Heldinnen einer neuen Generation.

In meiner Jugend waren die Helden etwas wilder, man gehörte zu den Skatern, Grungern, Ravern oder Hip-Hoppern. Die Rebellion platzte aus jeder pickligen Pore. Man hasste zwar seine Pickel, nahm dagegen  auch Clearasil und versuchte sie abzudecken, aber allzu viel Zeit verbachte man damit dann auch wieder nicht – man war ja die meiste Zeit mit Rebellieren beschäftigt. Die jungen Frauen auf Instagram mit ihren Hunderttausenden von Followern wirken auf ihren täglich geposteten Fotos nicht nur gekünstelt, sondern auch unfrei. Wie viel Zeit es wohl braucht, sich ständig so in Szene zu setzen? Erst posen, dann posten. Und, wann kommt dann das Leben?

Warum aussehen wie Cicciolina, wenn man Miss Daisy sein kann? Die zarte Carey Mulligan, die letztere in der jüngsten Verfilmung von „The Great Gatsby“ verkörpert, ist nicht auffallend schön, aber so natürlich elegant, dass sich die Frage nicht stellt, weshalb Gatsby alles riskiert, um für sie eine eigene Welt zu erschaffen. Würde Ken das für Barbie machen?

Mädels, Weiblichkeit ist doch keine Schablone aus einem billigen Erotikfilm! Dann doch wohl lieber „Basic Instinct“ mit einer starken Frau. Sharon Stone trägt darin zwar nie Höschen, aber auch nie Lippenstift – und ist Erotik pur. Was mich an diesem künstlichen Schönheitsideal am meisten besorgt, ist der Selbstwert, der jungen Frauen vermittelt wird. Als seien sie nur etwas wert, wenn sie vermeintlich perfekt aussehen und ihr Bild im Internet genug Likes bekommt. Sinnlich ist, wer mit all seinen Sinnen lebt – also ganz real, intuitiv und frei. Fehler machen Menschen sexy, Gesten und Mimiken sie liebenswert. Hat diesen Kids das denn niemand gesagt?

Können wir uns denn nicht einfach lieb haben, so wie wir sind – ich mich und du dich und wir uns? Wir sind doch alle Heldinnen, schließlich überleben wir jeden Tag diese irren Zeiten! Lacht mit euch und über euch. Steckt einander an mit Natürlichkeit und sagt es allen weiter, wie bezaubernd ihr seid! Das ist meine Hausaufgabe an euch da draußen. Jeder ist am schönsten wie, wenn er autentisch ist – innerlich und äußerlich.

Ich klinge langsam wie ein Alt-Hippie und höre jetzt lieber auf. Um mit den Worten Coco Chanels zu schließen: „Wenn du einzigartig sein willst, dann sei anders“.

llustration: Luisa Hecking / www.behance.net/luisahecking

erstellt am: 30.03.2017

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Annekatrin Meyers

Journalistin

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